„Die Antwort liegt in der dreifachen Natur des Menschen. Eine Triebfeder sind Geltungssucht und Wettstreit,
denn es liegt in der Natur des Menschen, Orte aufzusuchen, an denen er große Gefahren bestehen und zu Ruhm gelangen kann.
Ein zweites Motiv ist die Neugier, denn es liegt ebenfalls in der Natur des Menschen, daß er Dinge, von denen er gehört
hat, sehen und kennenlernen und erfahren möchte, ob die Erzählungen den Tatsachen entsprechen oder nicht. Drittens treibt
ihn das Gewinnstreben, denn Menschen suchen Reichtum, auch wenn die Gefahren groß sind“
Zitat aus dem norwegischen Konungskugga (Königsspiegel) aus dem 13. Jahrhundert , der unbekannte Autor nach den
Gründen für Auslandsreisen von Händlern gefragt.
Der Motorradreisende, der in unseren Breiten die gängigen Motorrad-Wintertreffen öfter besucht hat, große wie kleine,
wird eine gewisse Sättigung verspüren, immer die gleiche Location, immer die gleiche Anfahrt, immer die gleichen Leute,
kaum Schnee.
Savallenralley, Kristallralley sind Wintertreffen im fernen Norwegen, kaum einer war schon dort, doch immer wieder kursieren
verlockende Geschichten von irren Mengen Schnee, tiefen Temperaturen und Schneefahrbahnen ohne Ende bei der Anfahrt.
Und bevor ich nun alt und unbeweglich werde, schaffe ich mir heuer zehn Tage Urlaub und beschließe zur Kristallralley
zu fahren, finde auch gleich einige Mitstreiter , die mit Begeisterung dabei sind - je näher der Termin zur Abreise rückt,
desto kleiner wird jedoch der Kreis der Norwegenfahrer und schließlich bleibe ich allein über. Der Vorteil: Ein größtmögliches
Maß an Flexibilität, lediglich auf die Eigenheiten meiner Winterdnepr muß Rücksicht genommen werden.
Nie habe ich mich intensiver vorbereitet als auf diese Reise:
In der eigenen Bibliothek finden sich Merian-Reiseführer für Norwegen, Schweden und Finnland, die mangels Brauchbarkeit
sofort dem Altpapier zugeführt werden. Ein Schiffsreiseführer aus 1926 findet sich, ein „Prachtband“ über den Norwegenfeldzug
im zweiten Weltkrieg - schier unglaubliche Nazipropaganda in Text und Bild. Die Time-Life Bücher über die Entdeckungsfahrten
auf See und Eroberungen der Wikinger sind da schon viel interessanter, ich lerne kennen Erik den Roten, Harald Schönhaar,
Olaf Haraldsson, in den Sagas aus dem 13. Jahrhundert, niedergeschrieben von Snorri Sturluson, einem Isländer. Fachliteratur
über Walfang, U-boote, Lachszucht, besonders inspirierend auf meine Reise wirken die Arktisreisen der Norweger Fridtjof
Nansen und natürlich Roald Amundsens Entdeckungsfahrten der Nordwestpassage und der tragische Wettlauf mit dem Engländer
Scott um die Entdeckung des Südpols wird gleich in verschiedenen Fassungen wieder gelesen.
Alles extrem sinnvolle Literatur zur Planung einer Motorradreise nach Skandinavien und so schenkt mir meine Tochter zu
Weihnachten einen Velbinger-Reiseführer für Norwegen (Verlag Martin Velbinger ISBN:3-88316-021-0), dem dann zu entnehmen
ist, daß der Winter in Norwegen nicht die beste Reisezeit ist. Darum ändere ich das Ziel der Reise von Kristallralley in
Südnorwegen auf Hammerfest, der nördlichsten Stadt, der Welt .
Ich werde oft gefragt: Warum überhaupt im Winter Motorradfahren? Da sei es ja viel zu kalt!
Meine Gegenfrage lautet immer: Warum aber Skifahren? Da sei es genau so zu kalt.
Nein: Es gibt kein unpassendes Wetter - nur unpassende Kleidung.
Und so pilgere ich zum Grötzmeier, dem Fachgeschäft für Motorradbekleidung
in unseren Breiten. Dort gibt es Transtex Unterwäsche und Socken von RACER,
das ist unverzichtbare Basis für jeden Wintereinsatz, egal ob Motorradfahren, Skifahren oder Eisstockschießen, die sympathischen
Leute von RACER erzeugen Top Handschuhe, Nierengurte, Halskrausen, ich
wähle als Handschuhe das Modell „Runner“ und ich kann gleich vorweg sagen, diese Handschuhe haben oft bewirkt, daß ich
vergessen habe die Heizgriffe einzuschalten, Obermaterial aus Goretex, das Innenmaterial greift sich angenehm an, kalte
Finger hatte ich nie.
Hose und Jacke aus Goretex: Und zwar Dainese: Nicht nur weil es den
besten Schnitt hat und mir ein sonniges italienisches Gefühl verleihen soll im hohen Norden, es wird sich auf der Reise
herausstellen, daß die Wahl hundertprozentig die Richtige war, das Gewand ist absolut wasser - und winddicht, mir war
auch bei minus 20 Grad am Dovrefjell nicht kalt.
Ein heikles Thema, der Helm: Ich vertraue auf den Evolution von Lazer
: Vakuum zwischen dem doppelten Visier soll ein Beschlagen des Visiers verhindern. Verhindert es auch ein Vereisen?
Meine bewährten Winter-Motorradstiefel, Filzstiefel aus Sibirien, werden außen neu mit einer Schicht Alufolie umgeben,
in einen Plastiksack und zusätzlich in Überschuhe aus Neopren gesteckt. Ich fühle mich optimal gerüstet, was die Kleidung
angeht.
Mein Winter-Motorrad Dnepr MT16 (mit Beiwagenantrieb ) hat dagegen Schwachstellen, ist es ja bloß eine sogenannte „Inlandsdnepr“,
also qualitiatv kein Highlight. Wurde seit 1997 von mir ausschließlich im Winter bewegt, durch Salzfraß und mangels Pflege
in erbärmlichen optischen Zustand, werden die Mängel zum Stilmittel erhoben und präsentiert sich das Motorrad nun als echtes
Dirtbike.
Der Motor ist ein Congenia-Versuchsmotor, ein Prototyp unserer Ausführung mit externen Ölfilter/Olkühler und ca. 2.000
km im Einsatz in einer Solo-Dnepr und 8.000 Kilometer in meiner Winterdnepr. Gute Leistung, läuft aber sehr laut (original
Lager) und hoher Ölverbrauch (original Kolbenringe – Inlandsqualität)
Das Motorrad ist versehen mit Heizgriffen, dem
häßlichsten aber besten Windschild, Knieschutzbleche, der externe Ölfilter ist ummantelt mit Dämmmaterial für Rohre vom
Installateur, weil ansonsten das Öl im Filter und den Leitungen gefriert (So geschehen anno 1998 beim Elefantentreffen)
Für die Norwegenreise wird noch folgendes adaptiert:
- Motoröl von Castrol 0W20.
- Die original Bereifung wird mit Spikes versehen, auch das Reserverad.
- Am Windschild wird ein Thermometer montiert.
- Den Tank habe ich mit einer Schaumstoffdämmmatte bekleidet, weil dieser Teil Kälte ausströmt, den Popscherlwärmer aus
Fell hat mir Silvia, eine erfahrene Wiener Dnepr-Sozia übermittelt. Vielen Dank noch einmal.
- Es darf sein eine Lichtmaschine 300 Watt von Ural und die neueste elektronische Zündanlage von Ural und eine 16 Ah Batterie
wartungsfrei, wie wir sie in die E-Starter Urals einbauen.
- Das Dirtbike wird verunziert mit einem Scheinwerfer in Chrom mit H4-Einsatz.
- Ein Zehnliterreservebenzinkanister wird am Beiwagen montiert.
In den Beiwagen wandern: Fünf Zündkerzen, drei Kerzenstecker, eine Ersatz-Lichtmaschine, die originale Unterbrecherzündung
mit Zündspule, zwei Stück Gaszug, ein Kupplungszug, ein Bremszug vorne, zirka zwei Kilo Schrauben, Muttern, Scheiben und
so Zeugs unsortiert, eine Kiste mit Werkzeug inklusive Hammer, Wagenheber, fünf Liter Motoröl, Trichter, Spanngurten verschiedener
Länge und Ausführung, Abschleppseil, Bleizusatz fürs Benzin.
Dann noch alles an Bekleidung in doppelter Ausführung, auch die Goretex doppelt, die Stiefel, Handschuhe, für alles muß
ein Ersatz vorhanden sein also auch eine zweite Unterhose, an Verpflegung soll es sein ein paar Dosen Redbull, zwei Flachmann
(Grappa und Kirsch), Mannerwafferl , einige Packerlsuppen, der Beiwagen hat nun ausreichend Gewicht.
Gerne nimmt man Erfahrungen anderer an, die schon mit dem Motorrad in Norwegen waren wie zum Beispiel: Fahre nicht durch
ganz Deutschland mit dem Motorrad, denn da bist du fertig, bevor du in Norwegen ankommst.
Ich erspare mir und meiner Winterdnepr den Masochismus 1000 Kilometer deutscher Autobahn, der Autoreisezug von München
nach Hamburg ist jedoch sensationell teuer, da bemühe ich lieber alte Kontakte aus meiner Zeit als Fernfahrer zu Studienzeiten
und siehe da, es finden sich jede Menge Frächter die nach Skandinavien fahren und die Dnepr und mich preisgünstig nach Norden
bringen könnten.
So passiert es daß Fred, Linzer
Frächter alter Skandinavienschule, am 30. Jänner um 03.00 Uhr früh mit seinem vierfuffziger Scania in Linz abfährt, Ladung
ist 20 Tonnen Hundefutter, 400 Kilo Dnepr Motorrad und 75 Kilo Dnepr Fahrer. Zwölf Stunden und 1.000 Kilometer später
sind wir schon auf der Fähre M/S Skane von Rostock nach Trelleborg (www.scandlines.se).
Die Fähre schluckt ganze Güterzüge, die vier MAN B&W Dieselaggregate leisten insgesamt so viel wie 1.234 Dnepr Motore.
Anderntags um 12.00 Uhr mittags in Brumunddai, zirka 50 Kilometer südlich Lillehammer löscht Fred seine Ladung, also auch
die Dnepr und mich. Fred ist unruhig, er fragt mich das letzte mal, ob ich nicht doch wieder mit ihm zurück fahren wollte,
ich vernehme echte Besorgnis meines Truckers, Fred lädt mich noch zum Mittagessen ein, und entläßt mich endlich, nicht
ohne noch einige unbedingt nützliche Verhaltenstipps im Falle einer Elchkollision gelehrt zu haben.
Ich aber endlich on the road, warm verpackt, voller Tatendrang. Bald nach Lillehammer wird es endlich Schneefahrbahn und
schon erwartet mich auch die erste Sonderprüfung:
Links unten liegt verträumt ein Stausee, fein zugefroren, schneebedeckt. Eine netter Fahrparcour ist von Schnee geräumt,
die Kurven haben außen Anlieger aus Schnee. Fahren doch tatsächlich ganz normale PKW am Parcour, beschleunigen, driften,
wandeln in der Bahn, fürchterliches Kribbeln überkommt mich, wie ein Magnet zieht mich das an, die Fahrbahn dort unten glänzt
spiegelglatt, wunderschön, mein Gott, nicht hinsehen – ich kann doch nicht schon nach 50 Kilometer meine Dnepr prügeln,
ist ja doch auch gar nicht würdig sich mit Allradaudis zu messen, wie kleine Kinder fahren sie da unten im Kreis, und beinhart
fahr ich am Geschehen vorbei, ich schließe mit meiner Dnepr eine wirklich faire Vereinbarung, die da lautet, ich behandle
die Dnepr anständig, fahre nie schneller als 70 Km/h, dafür verspricht mir die Dnepr 4.000 Kilometer pannenfreie Ausdauer.
Schon in Ringebu wird mir die E6, die Hauptstraße, zu langweilig, und ich erlaube mir einen kurzen Abstecher hinauf aufs
Fjell Richtung Folldal, schließlich habe ich ja Urlaub und wollen wir die vor uns liegenden 2.000 Kilometer nach Hammerfest
geruhsam angehen. Längst ist es dunkel als ich wieder auf die E6 zurückkehre und es wird spürbar kälter, auf einer Tankstelle
beschließe ich bei einer Tasse Tee noch heute abend über Dovre Fjell, Paß von 1026 Meter Höhe, bis zumindest Oppdal, einem
Schiort zu fahren. Voller Elan nehme ich den kommenden Paß in Angriff, wohl zu viel Elan, denn schon die Tankstellenausfahrt
endet für mich im Straßengraben, ich kann es nicht fassen, daß einem so extrem erfahrenen und besonnenen Beiwagenfahrer
wie ich einer bin, so ein blödes Mißgeschick passieren kann, und so gebe ich nicht auf, sondern kräftig Gas und werke und
kämpfe im Graben so lange weiter bis die Fuhre bis Höhe Tank endgültig im Schnee steckt, das Beiwagenrad krallt sich gerade
noch auf der Straße fest. Zwanzig Meter weiter ein Haus, ein Auto davor, dem Auto entsteigen eine junge Frau und ein junger
Mann, beide grinsen seltsam und der Junge meint bloß „shit happens“. Ich grinse halt auch dazu, krame unter neugieriger
Anteilnahme der beiden aus dem Beiwagen triumphierend das Abschleppseil und noch während ich überlege, wie ich wohl auf
englisch mein aus-dem-Graben-schlepp-Ersuchen formuliere, sagt der Junge gelassen, er könne mir ohnehin nicht helfen, bei
seinem Auto sei die Batterie leer und er könne nicht starten. Mir fällt zuerst nur „shit happens“ ein, dann jedoch, daß
mein Gespann ja mit potenter Batterie ausgerüstet ist und ich biete Starthilfe an, ganz begeistert von mir. Doch nur entgeistert
schaut mich der Junge an, es dauert noch eine Weile, bis ich die Blödheit meines Anerbietens erkenne, sitzt die Batterie
doch im Gespann im Straßengraben, das Auto zwanzig Meter.......
Überdies erkenne ich, daß ich einen
wichtigen Ausrüstungsgegenstand vergessen habe, eine Schaufel. Ich beginne mit bloßen Händen das Motorrad freizuschaufeln,
da reicht mir der Junge, wieder grinsend, ein prächtiges Exemplar von Schaufel in den Graben hinunter und ich baue kunstvoll
ein Auffahrtsrampe für das Motorrad, während der Junge die Batterie seines Autos traktiert , der Starter nur grad ein
bisserl jammert. Mein Bordthermometer zeigt minus 15, mir ist dennoch gut warm, als ich die Dnepr starte und der Junge
und ich das Gespann irgendwie aus dem Graben würgen. Ich drück dem Jungen dankend seine Schaufel in die Hand, da hören
wir, wie die junge Frau das Auto startet, wie man halt ein Auto startet, und nun kann endlich ich auch einmal grinsen.
Endlich geht es also weiter, beständig bergan, wenn auch sanft, es wird wirklich kalt, am unteren Rand des Visiers bilden
sich Eiskristalle, nicht weiter störend, solange es in diesen schmalen Bereich bleibt. Die Heizgriffe glühen, das beruhigt,
denn es ist wirklich stockdunkel, kaum Verkehr und ich erkenne nur schwach, daß ich auf einem Hochplateau fahre, kein Baum,
kein Haus, keine Gesellschaft weit und breit, als mein Gespann anfängt zu spucken, es zieht nicht gut, ich schalte auf die
Dritte, brauche ordentlich Drehzahl, damit etwas weitergeht , und im Überlegen, was die Ursache sein könnte, muß ich leider
schon wieder erkennen, daß ich einen wichtigen Ausrüstungsgegenstand vergessen habe, eine Taschenlampe. Da bleibt mir keine
andere Wahl, weiterfahren, so lange es geht, im Finstern läßt sich nicht gut schrauben.
Es geht schon wieder leicht bergab, als ich feststelle, daß ich nur auf einem Zylinder fahre, eine Abzweigung zu einer
Ortschaft ist durch drei Straßenlaternen gut beleuchtet und bei minus 20 Grad laut Bordthermometer kontrolliere ich den
Funken von der Zündspule zu den Kerzen, die rechte Kerze ist hinüber, der Zündfunken will von der Zündspule nicht auf das
Zündkabel und ich biege an der Spule herum, bis der Funke ist, wo er sein soll, wechsle die defekte Kerze. Es geht wieder
einigermaßen, doch wirklich befriedigend ist die Leistung nicht. Wahrscheinlich gefriert Wasser in den Vergasern, beruhige
ich mich, und als ich am Etappenziel Oppdal ankomme, beschließe ich angesichts der beleuchteten Schipisten rundherum, noch
bis Trondheim zu fahren, denn an der Küste erwarte ich mildere Temperaturen. 20 Kilometer vor Trondheim in Kval beschließe
ich den Tag um 22.00 Uhr, ein Privatzimmer ist sofort gefunden, 370 Kilometer bin ich heute gefahren.
Das paßt für den Anfang.
Anderntags bei minus 5 Gräder ist die Dnepr sofort einsatzbereit. Rund um Trondheim gibt es richtige Autobahn, wenig,
aber doch. Mautpflichtig. Natürlich. Aber ich staune nicht schlecht, die Maut für Motorräder beträgt null Kronen. Das ist
vorbildlich. Das ist großartig. Auch die Maut für die Tunnelfahrt gleich nördlich Trondheim: Null Kronen für Motorräder.
Irgendwie tut die Dnepr nicht richtig, immer wieder Aussetzer, beim Tankstop nach Steinkjer, an der Gabelung Hauptverkehrsweg
E6 und der Küstenstraße 17 schau ich mir wieder die Zündung an und sehe, daß der Funke ist, wo er sein soll, doch die rechte
Kerze ist schwer beleidigt und wird ausgetauscht, wie gestern, heute wechseln wir auch den Kerzenstecker. Die Dame an der
Kasse in der Tankstelle frage ich um die Straßenverhältnisse und die klimatischen Gegebenheiten auf den nächsten 200 Kilometern
nördlich, denn nun muß ich entscheiden ob ich an der milden Küste fahre, oder die wilden Berge probiere. Die Kassendame
erklärt mir, daß sie überhaupt keine Ahnung hat über die Verhältnisse, sie war zwar schon in Spanien und Griechenland, und
Norwegen sei sowieso das beste Land zum Leben, noch nie war sie aber weiter nördlich als 20 Kilometer von ihrer Tankstelle
und sie werde nie und nimmer nördlich fahren, aber ich solle mir keine Sorgen machen, sagt sie, so schlimm sei es nicht,
zwei Wochen vor mir wären zwei Schweizer mit Beiwagenmaschinen bei ihr gewesen, die hätte das gleiche gefragt wie ich, doch
da hätte es minus 27 Grad gehabt und die Schweizer wären auch gefahren.
Aha, also ich nehme nicht die Küstenstraße, ich nehme die Berge.
Gleich bereut. Die Dnepr geht
nicht gut. Die Straße ist komplett vereist. Manchmal donnern LKW Züge vorbei. Da ist höchste Konzentration angesagt. Es
gibt da einen Sog zwischen Zugfahrzeug und Hänger. Unangenehm. Auf glatte Piste versetzt so ein Sog das Gespann ganz ordentlich.
Die Dnepr plagt sich. Linke Kerze schneeweiß, rechte Kerze kohlrabenschwarz, ich mach den linken Vergaser fetter, den
rechten Vergaser magerer, noch schlechter, ich spüre, daß die Dnepr bald in Ruhestand geht und daher beschwere ich mich
telefonisch bei meinem Mechaniker. Der ist wirklich ein spitzen Mechaniker, aufgrund meiner exakten Beschreibung der Symptome
„die Dnepr geht net gscheit“, kommt sofort der Befund, „ich habe ein Vergaserproblem“.
In einer Fiatwerkstätte zerlege ich nun beide Vergaser , reinige mit Druckluft alle Düsen, Düsenstöcke, so sauber waren
diese Vergaser noch nie, stell die Vergaser ein, immer wieder Probefahrten, ich spiel mich eine Stunde, die Fiatwerkstätte
will schon Feierabend machen, die Dnepr wird immer schlechter, ich ruf meinen Mechaniker zu Hause, ich höre ihn Achselzucken
am Telefon, so ganz beiläufig fragt er mich, ob der Geber der elektronischen Zündung fest sitzt, denn da hätte er zu Hause
schon ein Problem vermutet und siehe da, das Ding hat über einen Zentimeter Spiel und da ist es eher ein Wunder, daß bei
dieser Art elektronischer Fliehkraft Zufall Zündung überhaupt was geht, die Zündung hat sich je nach Lust und Laune zwischen
Gut und Böse verstellt, da hätte auch mal ein Kolbenbrenner passieren können. Für mich ist immer wieder erstaunlich, was
ich mit zwei linken Händen alles reparieren kann, wenn der Mechaniker nicht da ist, aber repariert werden muß. Und einfach
irre, wie die Dnepr jetzt wieder geht, noch einmal bleibe ich stehen und regle die Vergaser, ein super Kerzenbild, eine
Freude, wie das tut. Leider ist es aber nun stockdunkel, ich trau mich heut nicht mehr recht in die Berge und um 17.00 Uhr
beschließe ich den Tag in Trones, erhalte im Hotel den great-lunatic-Austrian-motorcycledriver-discount, feinen Lachs zum
Abendbrot, Bier um umgerechnet sieben Euro, dafür den Tee gratis. Heute bin ich nur 250 Kilometer gefahren. Ich sitze über
der Karte und überschlage die vor mir liegende Distanz nach Hammerfest und es überkommen mich die ersten Zweifel, ob ich
das schaffe, wenn die Dnepr so spinnt. Aber ich beschließe, daß ab morgen alles besser wird.
02. 02. 2002, zirka 2.00 Uhr nachmittag:
Zigtausende knien jetzt paarweise vor den Altären der Kirchen und Konfessionen dieser Welt. Viele halten diesen Augenblick
für den glücklichsten Ihres Lebens, sind sie sich doch mangels eigener Erfahrung der Folgen ihres Tuns hier noch nicht gänzlich
bewußt. Im Hintergrund die Gemeinde stimmt frohe Lieder an, manche Mutter zerdrückt noch eine Träne im Tuche ob des in den
Ehestand verlorenen Sohnes.
Ich und meine Dnepr knien zur Zeit auf Norwegens E6 im Schnee. Ein scharfer Wind läßt die umstehenden Bäume sich gleichgültig
von uns abwenden und mir Tränen dem Auge entwenden, fassungslos erkenne ich als Grund für unseren Kniefall den abgerosteten
Batteriekasten, die Batterie der Dnepr hat sich einen neuen Platz gesucht, am Getriebe, genau dort wo das Kupplungsseil
seinen Dienst tun sollte, weshalb der gerade vorhin versuchte Schaltvorgang vom vierten in den dritten Gang nicht zur Ausführung
kommen konnte. Mit Gurten werden Batterie und Batteriekasten fixiert, bis zum nächsten Schweißgerät muß das halten, langsam
erkenne ich wie uncool es ist, mit einem Dirtbike auf anspruchsvolle Reise zu gehen, die eh bloß äußerlich sichtbaren, als
belanglos abgetanen Zeichen des maroden Zustandes meiner geplagten Winterdnepr werden immer empfindlicher spürbar.
Dabei hat heute alles ideal begonnen. So richtig nach unserem Geschmack. Das Frühstücksbuffet ist gut und ausreichend,
die Panoramascheibe des Frühstücksraums offenbart beständigen Schneefall draußen mit ein bisserl Wind. So wird heute das
erste mal die Racer Funktionsunterwäsche zum Einsatz kommen, eine Schicht Textil am Körper mehr als gestern sollte nicht
schaden. Das Fieberthermometer am Windschild zeigt minus acht Grad, die Dnepr nimmt willig ihr Tagewerk auf, freilich ist
das Kupplungsseil und das vordere Bremsseil eingefroren, das Kupplungsseil wird durch Gymnastik (Dehnen, Biegen, Strecken)
zum Leben erweckt, das Bremsseil lassen wir gefroren, denn bremst wird eh net. Super, einfach genial, die Fahrbahn, 15 Zentimeter
Neuschnee, jungfräulich, keine einzige Spur noch nach Norden, auf der Gegenfahrbahn nach Süden ist schon gespurt. Da staubt
es und jetzt weiß ich wieder, warum ich da bin, es ist einfach ein unbeschreiblich gutes Gefühl Vollgas auf einer frisch
verschneiten, breiten, absolut leeren Straße zu fahren, Kurven nur im Drift, und weil es so schön staubt.
Nach 10 Kilometer ist die Gaudi aus. Kein Benzin. Ich Vollidiot bin heute früh von der vollen Tankstelle mit leerem Tank
losgefahren. Benzinhahn bereits auf Reservestellung von gestern. Mein 10 Liter Reservekanister kommt nun zum Einsatz,
ich fahre zum Tanken wieder zurück, denn die Straßenkarte hat ja 150 Kilometer übers Fjell ohne größere Orte gezeigt.
Also alles noch einmal von vorne und es
werden aus der Sicht des Motorradfahrers bis Mosjöen die schönsten 150 Kilometer der ganzen Reise. Gezählte 14 Fahrzeuge
kommen mir entgegen, 9 LKW und 5 PKW, in meiner Fahrtrichtung kein Fahrzeug getroffen. Unberührte Schneefahrbahn. Die
Straße windet sich sanft durch den schweigenden Wald. Wirklich entbehrlich sind nur die gelegentlichen Querungen der parallel
verlaufenden Bahnstrecke, denn die Unterführungen sind extrem eng und die Zufahrten dazu kommen völlig überraschend und
in scharfen Kurvenradien. In diesen Momenten rapiden Adrenalinschubes merke ich, daß ich heute entschieden zu warm angezogen
bin.
In Mosjöen finde ich einen Yamaha Laden und will mir dort den Batteriekasten schweißen lassen. Im Yamaha Laden stapeln
sich Skidoos, Pistenraupen, Schneefräsen jede Menge und Ausführung, entdecke dann doch ein Motorrad, im letzten Eck baumelt
von der Decke eine Fazer, leicht verstaubt, ich glaube Modell 1998, so eine Art Zimmerschmuck. Geschweißt wird bei Yamaha
auch nicht am Samstag nachmittag, aber in der Volvo Truck Service Station wird die Dnepr gegen eine Dose RedBull und eine
Packerl Manner Wafferl mit der saubersten Schweißnaht versehen, die die Dnepr jemals hatte.
Mosjöen liegt am Ende eines engen Fjords, der Schneefall droht in Regen umzuschlagen, drum verliere ich keine Zeit und
fahre schon wieder in die Berge nach Norden, in Mo I Rana entnehme ich der Karte, daß der Polarkreis bald zur Überquerung
ansteht, ich beschließe, an diesem geographisch bedeutsam klingenden Ort zu übernachten. Und so nehme ich guter Laune schon
bei Dunkelheit den nächsten Paß in Angriff, es hört ja zu schneien auf, es wird kälter, ich merk das, denn das Kupplungsseil
verweigert den Dienst, eingefroren während der Fahrt, wir werden in Zukunft mehr schalten um diesen Teil am Frieren zu
hindern. Bald beginnt unangenehmer Wind, dafür endet jeder Verkehr, stockdunkel ist es eh schon länger. Als ich eine Paßhöhe
überschreite, empfängt mich eisige Luft links vom Svartisen kommend, Norwegens zweitgrößter Gletscher läßt grüßen. Es herrscht
vollkommene Dunkelheit, ich sehe nichts, gar nichts, rechts und links, der eisigeWind hat Sturmstärke, greift mich seitlich
an, ich umklammere fest die Griffe am Lenker, die sind brennheiß, das beruhigt, die Straße vor mir ist schwarz und spiegelglatt,
der Sturm treibt weißen Schneestrich rasend schnell von links nach rechts, ich habe das Gefühl zu gleiten über diesen bewegten
Boden, ich gebe dem Lenker ständig Druck zur Fahrbahnmitte, muß mächtig gegensteuern, da kommt leichte Panik auf, wie lange
ist es vorbei, daß ich ein Licht gesehen habe, von einem Haus oder einem Fahrzeug? Was ist wenn mir jetzt das Eisen eingeht?
Was ist wenn mich dieser Orkan von der Straße fegt? Warum ist da nichts, warum fährt da niemand? Die Antwort ist: Es ist
ein Blizzard, da bleibt man zu Hause.
Nur gut, daß sich der Sturm nicht als Gegenwind präsentiert. Ich fahre was geht, bete, daß die Dnepr jetzt keine Mätzchen
macht, meine ganze Konzentration richtet sich auf die Reflektoren der Schneestangen, das waagrechte Flirren des Schnee
macht mich total irre, eigentlich fahre ich ja blind, aber ich fahre Vollgas, volles Risiko, ich will nur raus aus dieser
Hölle, da fällt mir ein, ich müßte ja den Polarkreis schon längst überquert haben oder bin ich da gerade? Noch nie war
Motorradfahren anstrengender, Konzentrationslücken treten auf, im waagrechten Schneestrich taucht klar das Bild auf, wie
deutsche Wohnmobiltouristen auf ihrer Reise ans Nordkap im Mai 2002 kurz nach der Überquerung des Polarkreises an der
E6 halten um ein soeben ausgeapertes Motorrad samt Beiwagen und Fahrer zu fotografieren, letzterer in tadelloser Dainese
Kombi wirklich gut erhalten, durch das Visier des Helmes kann man gut erkennen die weit aufgerissenen Augen der Leiche,
der muß sich ja ganz schön geschreckt haben.
Irgendwann trägt der Wind keinen Schnee mehr mit, dann dreht er und kommt von hinten, Bäume, Häuser werden schwach sichtbar,
großes Aufatmen, durch den Rückenwind geht die Dnepr 90 Km/h ohne Mühe, seltsam ist, daß hier keinerlei Schnee liegt, ich
weiß nicht warum, aber ich bleibe nirgends stehen, fliege vorbei an den Hinweisschildern zu Hotels und Tankstellen, entlang
des Saltfjords kommt der Sturm wieder von der Seite und peitscht Regen heran, ich fahre weiter, das Grauen sitzt anscheinend
tief in mir, ich will nur weit weg vom Polarkreis, erst in Fauske tropfe ich vom Motorrad, direkt vorm einzig geöffneten
Hotel in der Stadt. Es ist 19.30 Uhr
In der heißen Badewanne rekapituliere ich an Hand der Straßenkarte den Tag, ich schaffte 420 Kilometer heute, eine lächerliche
Distanz, im Vergleich zum vor mir liegenden Weg nach Hammerfest und nach Abwägen aller Für und Widers entscheide ich, daß
ich anderntags auf der Küstenstraße wieder südwärts fahren werde. Soll landschaftlich aufregend sein. So der Reiseführer
vom Velbinger. Sehr gut.
Fortsetzung hier ..
