Mitten in der Nacht aufgewacht, tiefes beständiges
Wummern von ACDC- bis Led Zeppelin Bässen nervt zusehend. Und
nimmt kein Ende. Ist da eine Disco im Haus? Mein Hotelzimmer ist
doch ohnehin im fünften Stock.
Diese Reise bietet keine Entspannung. Kein richtiges Urlaubsgefühl.
Wenn mein Nachbar zu Hause im Altbau nächtens beim Kiffen einschläft
und die ewig gleiche CD das ganze Haus terrorisiert, ist es stets
meine Aufgabe, die Sicherungen für Nachbars Wohnung zu entfernen,
damit a Ruh is.
Also steh ich schwer auf. Ich werde die Lärmquelle suchen.
Das Fenster meines Hotelzimmers gibt den Blick frei auf eine bewegte
See. Unerfreulich. Heftiger Sturm treibt Regen waagrecht. Direkt
unter meinem Fenster ein großer Parkplatz. Vier schwankende
Straßenlaternen illuminieren gut ein Dutzend parkender Autos
der Typen Ford Capri und Opel Manta als Quell meiner Schlafstörung.
Zwei Fahrzeuge fahren schlingernd weg, drei kommen wieder. Ein Ford
Granada gibt den Ton an, dessen Stereoanlage hat die meisten Dezibel.
Es gibt merkbar Kommunikation zwischen den Fahrzeugen, dürfte
mittels Handy stattfinden. Saturday Night Fever. Leider kein Film.
Voll real in Fauske Samstag Nacht 2002. Nicht zu ändern.
Spät aufgewacht am Sonntag. Das Zimmerfenster offenbart die
selben Verhältnisse wie nächtens, mit Ausnahme der Siebzigerjahr
Autos. Sturm und Regen. Das Fernsehen bestätigt anhaltendes
Sauwetter. Ich räche mich zuerst einmal am Hotel für die
gemeine Nacht und wüte am Frühstücksbuffet zwei Stunden
lang und außerdem wird eingepackt Schinken, Erdbeeren, Eier,
Kabeljau, Lachs, Mango, Käse, Jogurt, Brot und Kuchen in allen
Formen, Proviant für eine Woche. Lange stehe ich dann am Fenster
und sinniere angesichts des grauenhaften Wetters über Sinn
und Unsinn mancher Aktionen, die man so im Leben liefert. Sonntag
11.00 Uhr. Hilft eh nix, ich muß fahren, keineswegs werde
ich hier versumpfen, mühsam werden einige Schichten Gewand
angelegt und nach nicht einmal 1 Kilometer Fahrt Richtung Südwesten,
Richtung Küstenstraße und gegen den Wind, erkenne ich
meinen Irrtum und ein 180 Grad Drift bringt mich wieder auf Linie,
wieder auf die E6, ich will ja nach Hammerfest, im Norden kann es
doch nur besser sein, kälter, Schnee statt Regen, weg von der
Küste, rein in die Berge und schon am ersten Berg nach Fauske
ist der Wind plötzlich mein Freund, kommt von achtern, meine
bekanntlich extra breiten Schultern bilden ein hervorragendes Hauptsegel,
das beste aller Dnepr Windschilder eine großartige Fock, wir
fliegen den Berg hinan, vorbei an den zwei Autos, die es heute vormittag
nach Norden probieren, der frontgetriebene Opel schlingert über
die ganze Breite der stark ansteigenden Straße, der Fahrer,
seltsam angestrengt ganz knapp hinter die Windschutzscheibe sich
verkrampft, der Anblick echt erheiternd, als sich aber die Besatzung
des zweiten Autos ebenso seltsam benimmt, und der allradgetriebene
SUV-Honda (SUV = Sports Utility Vehicle!) so ganz leichte Beute
meiner Dnepr bergauf wird, erkenne dann doch auch ich die Güte
der Fahrbahn, pures Glatteis, schön glasiert durch Dauerregen,
in den Spurrinnen Sturzbäche.
Zuerst wird man da ein bisserl vorsichtiger, langsam testet man
die Grenzen der Spikereifen und bald bin ich wieder vollgas unterwegs,
weil das Gespann auch unter diesen wirklich außerordentlich
schwierigen Straßenverhältnissen gut liegt, ja ein Gefühl
der Sicherheit vermittelt in jeder Situation. Heute bin ich der
schnellste Verkehrsteilnehmer, sogar die LKW geben klein bei und
werden von mir heute schonungslos gerichtet. Hierzulande sind Sattelzugmaschinen
oder Motorwagen von Hängerzügen allesamt Dreiachser, zwei
angetriebene Achsen, alle Räder bespikt, auch die Räder
der Hänger, heute fahren die LKW zusätzlich mit Ketten.
Doch auch mir macht zusehend zu schaffen der schlechte Zustand der
Eisfahrbahn. Die E6 wird immer mehr zur Schlaglochpiste, die Löcher
im Eis unsichtbar wegen der Glasur durch das Wasser. Ich bleibe
stehen um ein Foto zu machen, da sehe ich, daß aus dem Ölfilter
heftig Öl tropft. In der nächsten Ortschaft muß
das behoben werden. Eine Shellstation wird angepeilt, die gelb/roten
Neonbalken wirken einladend. Eine saubere Werkstatt, ordentlich
aufgeräumt, mit Grube und geheizt, fällt sofort angenehm
auf, leider wird aber der Zutritt verwehrt, der Mann an der Tankstellenkassa
meint, er hätte keinen Schlüssel für die Werkstatt,
ich glaub das nicht, aber was hilft es, ich frage ihn ob ich unter
dem Dach zwischen den Zapfsäulen mein Gespann reparieren könnte,
er verneint auch dieses, ich könnte ja den Betrieb stören,
und schwer geschockt über so viel Unverständnis muß
ich nun bei strömenden Regen mit dem Küchenmesser das
zuhause kunstvoll angebrachte Dämmmaterial für den Ölfilter
lösen, nicht vermeiden läßt sich, daß Öl
auf den Boden tropft, da das ganze Tankstellenareal ein See ist,
färbt das Öl alles in blau und grün, im Liegen unter
dem Gespann erkenne ich, wie der Wind den rechten Handschuh vom
Zylinder in den See verweht und weit weg schon schaukelt mein Popschwärmer
auf den Wellen einer Pfütze, absolute Niederlagen sind das,
aber der Ölfilter wird wieder dicht, und auch andere Schrauben
und Muttern werden nun nachgezogen, ein dreiviertel Liter Motoröl
wird nachgefüllt, das Kabel zwischen Batterie und Lichtmaschine
hängt lose, hat sich von einer Lusterklemme gelöst. Eine
Lusterklemme? Ich frage mich, was zum Teufel an meinem Gespann eine
Lusterklemme zu suchen hat, mein Mechaniker, der einem Motorrad
die §57a KFG Plakette verweigert, wenn er an einem Motorrad
eine Lusterklemme findet, dieser Mechaniker schickt mich mit einer
Lusterklemmenelektrik auf Reise. Unglaublich.
Ich klatsche den völlig durchnässten Popschwärmer
auf den Sattel, nehme die Ersatzhandschuhe, verfluche den Tankwart
und mache mich wieder auf die Reise. Die E6 wird ungepflegt je weiter
nord. Tunnels sind echt spannend. Die Tunnelwände und die Tunneldecke
sind nicht verkleidet. Roher Fels. Die Felswand weicht manchmal
zurück, bildet dunkle Nischen, dann wachsen Ecken und Kanten
wieder gefährlich nahe an die Fahrbahn. Beleuchtet sind die
Tunnel hier heroben durch gelbe Deckenlampen mit der Leuchtkraft
von Grabkerzerln, alle 50 Meter ein Lamperl, durchschnittlich jedes
dritte ausgebrannt. Immer wieder quellen Eiskaskaden aus dem nackten
Fels, mitten im Tunnel, schaut echt toll aus, fährt man an
so einem Eisfall vorbei, hört man förmlich den Stein knacken
und vereinzelt liegen da auch Steinbrocken ungeniert auf der Fahrbahn,
massiv am Fahrbahnrand in allen Größen. Wieder danke
ich meiner Ausrüstung, Frau Grötzmeier hat gesagt, wir
fahren niemals ohne Rückenprotektor. Sehr gscheit.
Um halb vier Uhr ist es bereits stockdunkel. Es regnet noch immer.
Die Heizgriffe werden kalt, die Ladekontrolle leuchtet auf. Die
Lusterklemme macht Probleme, das Kabel zur Lichtmaschine ist wieder
lose, im Finstern muß ich da nun herumdoktern. Ich fluche
und nehme mir fest vor, daß ich meinem Mechaniker dieses weiße
Kabel samt der Lusterklemme in die Spagetti mischen werde, sollte
ich jemals wieder nach Hause kommen. Mitten in der Einschicht liegen
zwei komplette LKW-Züge im Straßengraben. Bei einem brennen
noch die Lichter, die Fahrer stehen stumm und deuten, ich sollte
weiterfahren. Ich werde immer vorsichtiger und langsamer, es wird
kälter, trotzdem regnet es immer noch. Die Sicht ist katastrophal.
Endlich Narvik. Ich beschließe den Tag zu beschließen.
18.00 Uhr. Doch bitte kein Hotel. Kurz nach Narvik peile ich ein
Privatzimmer an. Es liegt etwas oberhalb der Hauptstraße.
Zu Fuß muß ich mein heutiges Quartier erkämpfen,
denn mein Gespann steckt im patzigen Schnee der zu steilen Zufahrtsstraße.
Das Quartier hat Fußbodenheizung, ich breite also all mein
Gewand am Boden zum Trocknen aus. Dann hole ich mein Gespann. Eine
Stunde werke ich und ringe das Gespann doch bis vor die Haustüre.
Heute nur 250 Kilometer geschafft. Dennoch: Grießnockerlsuppe,
Tee, leckere Teile vom Fausk´schen Frühstücksbuffett
lassen allen Ärger über den heutigen Tag vergessen. Das
TV meldet für morgen ideale Wetterverhältnisse. Die Karte
offenbart ca. 700 Kilometer bis Hammerfest. Also bitte.
Und wirklich: Hervorragende Reisebedingungen zeichnen sich anderntags
ab. Wir beginnen unser Tagewerk um 8.30 Uhr bei ruhigen Wetter.
Kein Niederschlag, Temperatur knapp unter null Grad. Genau zwölf
Stunden später um 20.30 Uhr feiern die Dnepr und ich Ankunft
in Hammerfest. Es ist eine spektakuläre Etappe. Fjorde, Berge,
Wasser, Eis. Alles ist großartig arrangiert. Versank das
Land gestern in grau - das einzige Farbempfinden vermittelten
die Neonbalken der Tankstellen - zeigt sich heute Farbe. Pastelltöne
überwiegen. Rosarote Berge, hellblau bis türkis der
Himmel, das Wasser im Fjord blaumetallic und die Schneefelder
zeigen sich in weiß, nie habe ich so viele verschiedene
Weißtöne gesehen wie heute. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl
überkommt mich und überträgt sich auf die Dnepr.
Die Dnepr bricht unsere 70 Km/h-Vereinbarung und geht 80, ich
nehme Gas zurück, hilft aber nichts, als die Tachonadel gegen
100 pendelt, kommt eine rettende Steigung und ich muß auf
die Dritte schalten. Der Straßenbelag ist heute wieder ausgezeichnet,
präsentiert sich nicht mehr als schwammige glasige Schlaglochpiste
sondern ist festes blankes Eis. Das erlaubt stressfreie Höchstgeschwindigkeit.
Die gestrigen Strassenbedingungen forderten anscheinend große
Opfer, einige Auflieger kommen entgegen mit zerbeulten LKWs als
Ladung.
Das Spiel der Farben ist berauschend, jede Stunde des Tages bedeutet
anderen Lichteinfall, neue Farben, andere Stimmung. Lange träume
ich rosarot und mint einem nicht enden wollenden Fjord entlang,
urplötzlich einsetzender Hagel aus Schnee-, Eis-, Stein-,
Holz- und Spikepartikeln weckt mich unsanft. Ein 40-Tonnen-Holzfuhrwerk
hat mich überholt, wird schnell kleiner, als mich der Sog
freiläßt. Das ist natürlich eine Niederlage. Jetzt
ist Konzentration angesagt. Ich nehme die Verfolgung auf. Die
Straße biegt rechts ab, der Fjord wird immer enger, ich
komme näher. In Kurvendrifts bin ich eindeutig im Vorteil,
habe ja keinen störenden Hänger zu ziehen, wie die Holzfuhre.
Auf geraden Teilstrecken könnte ich überholen, doch
kaum schere ich aus dem Windschatten aus, verliere ich wieder
den Kontakt. Wir geben uns eine halbe Stunde intensiven Fight,
am Ende des Fjords kann ich endlich überholen, eigentlich
feig und unfair von mir, weil hier im Ortsgebiet Geschwindigkeitsbeschränkung
besteht, da bleibt der LKW stehen. Gibt einfach auf. So ein Feigling.
Ich rolle langsam an dem LKW-Zug vorbei, enttäuscht blicke
ich dem Fahrer in das Gesicht, der grinst und zeigt mit dem Arm
in die Ferne und nun begreife ich den Grund seiner Fahrpause.
Die Sonne ist da. Unsichtbar zwar, irgendwo im Süden, aber
sie taucht die Spitzen der höchsten Berge entlang des Fjords
in gleißendes Licht. Es scheint, als hingen die Bergspitzen
als lose kleine blendende Dreiecke am Himmel, ohne Bodenkontakt,
kurze Zeit bilden rund um die strahlenden Bergspitzen der Himmel,
die Berghänge und das Meer eine einzige konturlose silberne
Fläche. Da staunt der Motorradfahrer gleich dem LKW-Fahrer.
200 Kilometer nördlich in Alta an der Tankstelle beim wiederholten
Reparieren der Dnepr-Elektrik (Lusterklemme) erzählt mir
eine Krankenschwester ganz stolz, sie hätte in einem Linzer
Krankenhaus ein Praktikum absolviert und Sehnsucht nach Ihrem
Linzer Lover, sie hätte gerade mit ihm telefoniert, es hätte
heute in Linz 19 Grad plus gehabt, doch morgen wird auch in Alta
alles besser werden, denn morgen wird der erste Tag seit November
sein, an dem in Alta die Sonne wieder zu sehen sein wird. Ich
freu mich ja für das Mädel, dennoch lehne ich die Einladung
zu bleiben dankend ab, viel schöner ist doch, den desolaten
Dneprzustand der Kabelverbindungen zwischen Batterie und Lichtmaschine
zu bewundern, man sollte nicht glauben wie oft ein 20 Zentimeter
langes Kabel ärgern kann und die Schellen des Auspuffinterferenzrohres
baumeln unmotiviert in der Nähe ihrer eigentlichen Bestimmung.
Sollen sie baumeln, wohin sie wollen, ich fahre heute noch nach
Hammerfest, die letzten 170 Kilometer sollten doch zu schaffen
sein. Mit neuem extrem großen Diodenabstand an den neuen
Kerzen habe ich langen Funken, hurtig geht's bergan, gleich hinter
Alta umfängt mich wieder völlige Dunkelheit und ab der
Passhöhe wieder scharfer Wind.
Ich verfalle in einen Flow-Zustand.
Ich fahre immer geradeaus.
Die Straße zeigt keine Richtungsänderung.
Das Fahrzeug der letzten Schneeräumung hat kleine Rillen
in die Eisfahrbahn gefräst.
Die Reifen beginnen gleichmäßig hoch zu singen.
Ich versuche die Tonlage zu unterlegen mit einer zweiten Stimme.
Ich summe mittlere Lagen in den Helm.
Das eintönige Dröhnen des Boxermotors verschwindet langsam
ganz. Ich drehe langsam durch.
Seit einer halben Stunde habe ich keinerlei Kontakt mit einem
anderen Fahrzeug. Seit einer halben Stunde ist es wirklich stockdunkel.
Ich weiß nicht, ob ich entlang eines Sees, des Meeres, eines
Berges fahre. Keine Siedlung, kein Wald, kein Verkehrszeichen.
Ich fahre ständig schnurgerade in einen Tunnel hinein, ein
Tunnel aus Schneestangen ohne Ende. Außerdem habe ich das
Gefühl, daß ich ständig bergab fahre. Und zwar
immer steiler bergab. Die Straße neigt sich im Lichtkegel
der Dnepr vor mir immer steiler bergab. Ist das der Weg in die
Hölle? Ist da die Erdkrümmung so stark?
Da endlich ein Schild an der Straße:
Herzlich willkommen in KVALSUND. So heißt die Kommune hier.
Wahnsinn. Das war schon wieder alles.
Ich spüre, wie ich verrückt werde.
Die Panik weicht später einer Art Hoffnungslosigkeit.
Ich bilde mir ein, ich sähe weit vor mir einen schwachen
Schimmer, nein, es ist keine Einbildung, der Schimmer wird stärker,
bewegt sich, beleuchtet ausschnittweise die Gegend weit vor mir,
ich bin ganz aufgeregt, jetzt blitzt in meinem Rückspiegel
ein Licht auf, wird rasch größer, ich nütze das
stärker werdende Licht zur Orientierung, ich erkenne, es
geht ja wirklich leicht bergab, da rast ein Allrad-Audi mit geschätzt
180 Sachen an mir vorbei. Ich brülle ihm nach: "Bitte,
bitte, warte mir, gib mir Licht, fahr mir nicht davon!"
Aber nur kurz kann ich mit den Augen folgen und bald ist auch
dieses Lebenszeichen verschluckt von der Finsternis. In dieser
sprichwörtlich ausweglosen Situation rekapituliere ich vergangene
Highlights im Leben, zukünftige Pläne verblassen und
beschränken sich auf die Vorstellung einer feierlichen Opferung
meiner Dnepr, sollte diese schwarze Einöde mich je wieder
frei lassen.
Doch, doch, das Gefälle hat einen Boden und da stehen Häuser
und die Abzweigung nach Hammerfest ist erreicht, da kehrt Leben
ein und auch die Dnepr zeigt wieder elektrische Probleme. Die
letzten lächerlichen 50 Kilometern verlaufen im Nu, stolz
drehe ich in Hammerfest eine Ehrenrunde und parke die Polardnepr
vorm teuersten Hotel der Stadt.
Dusche und ein Bier und gut schlafen.
Und was jetzt?
Dnepr opfern und heimfliegen? Wirklich nicht.
Der kürzeste Straßenverbindung zurück wäre
über Finnland und Schweden. Taugt mir nicht. Dort könnte
es ja echt kalt sein.
Die selbe Strecke zurückfahren? Niemals!
Ich schlage den Velbinger Reiseführer auf und lese:
Hurtigruten:
Der Schnelldampfer entlang der rund 2.300 km langen Strecke Bergen/Kirkenes
wird oft als die schönste Küstenfahrt der Welt bezeichnet.
Für Touristen eine echte Kreuzfahrt, für die Norweger
ihre "Reichsstraße Nr. 1". Eine unerläßliche
Verbindung nach Nordnorwegen, die zuverlässig das ganze Jahr
bedient wird.
Ganz Feuer und Flamme marschiere ich anderntags zum Hurtigruten-Ticketcounter
(www.hurtigruten.com) und staune nicht schlecht, als ich Auskunft
erhalte:
Wintertarif von Hammerfest nach Trondheim: 1.311,-- norwegische
Kronen, das sind 170,-- Euro, das Motorrad free on bord.
Das sind nicht einmal die Hälfte der Sommertarife.
Fahrzeit 2 Tage und drei Nächte.
Einfach genial.
Mit dem Motorrad brauchte ich von Trondheim nach Hammerfest 4
Tage, also doppelt so lange, und allein das Benzin für diese
Strecke kostete mehr als der Fährpreis für die Hurtigruten.
Ich decke mich noch mit Reiseproviant in Hammerfest für die
Kreuzfahrt ein, Brot und Wasser, Lachs und Zitronen.
Die M/S Midnatsol ist schon ein etwas älteres Schiff, Baujahr
1982, gebaut für maximal 500 Personen. Es gibt auf diesem
Schiff noch "Sleeperetten", ein Raum mit Liegen, gleich
neben der Cafeteria, ich belege diese 10 Betten als meine Kabine,
die ersparten Kosten für die Kabine werden in Bier investiert,
die erste Nacht an Bord verbringe ich jedoch in der herrlichen
Panoramalounge am Bug des Schiffes, erfahre diese Nacht, daß
an Bug eines Schiffes die Schaukelbewegung am größten
ist, in der Mitte (Cafeteria) am geringsten.
Es befinden sich am 500-Passagier-Dampfer gezählte 8 (in
Worten: acht) gebuchte Kreuzfahrttouristen aus Deutschland, ab
Hammerfest plus ein Schwaighofer. Bis zu 20 Norweger sind immer
an Bord, die Teilstrecken mitreisen. Das Personal der M/S Midnatsol
beträgt 34 Personen, das ist Mindestbesetzung für den
Fahrbetrieb. Für die acht deutschen Touristen und ab Hammerfest
auch für mich kündigt Sissel, die Reiseleiterin an Bord,
die Sehenswürdigkeiten auf der Reise an.
Ansonsten: Es gibt kein Animationsprogramm an Bord!
Ich liege schon im Bett, als Sissel mitteilt, es wäre zur
Zeit ganz starkes Nordlicht zu sehen, ich springe in Hose, Jacke,
Stiefel, stürze aufs Freideck achtern und sehe am sternenklaren
Himmel, direkt über dem Schiff, eine riesige, wabbernde,
schleimgrüne Spirale mit langen auslaufenden Schweif, ständig
Schleimfäden gegen das Meer schickend, langsam gegen Norden
ziehend und allmählich kleiner und zarter werdend, verschwindet
das Phänomen im Norden. Ich bin ganz fertig, habe doch nie
im Leben damit gerechnet, daß ich diese Schauspiel erleben
darf, bei einem 49 Kronen Bier zur Feier des Abends erlese ich
aus Sissels am Infodesk ausgehängte Infotafeln Ursachen,
Mythen und Sagen über das Nordlicht, im Volksglauben sei
das Nordlicht oft mit dem Tod verknüpft worden und am häufigsten
mit toten unverheirateten Frauen. Noch einmal an diesem Abend
schaltet man das Nordlicht ein für uns, ich bleibe lange
an Deck und ruhig zieht das Schiff vorbei an eisbedeckten Felsinseln,
schlafenden weißen Riesen gleich, glänzen fahl im Sternenlicht.
Anderntags verbringe ich fast den ganzen Tag am Freideck mal vorne,
mal achtern, steifer Wind peitscht den Regen ins Gesicht, wieder
bin ich gut aufgehoben in meiner Dainese Goretex, dann wieder
reißt der Wind die Wolken auf und bildet wahnwitzige Formationen
am Himmel, spektakulär bahnt sich das Schiff seinen Weg durch
Fjorde, in der Abenddämmerung fahren wir durch den Raftsundet,
einer faszinierenden Meerenge, Felsenwände links und rechts
zum Greifen nahe, verlieren sich in den Wolken, man müßte
schon ein Dichter sein, um das Gefühl, das man dabei hat,
annähernd zu beschreiben.
Immer wieder wird an Städten und Orten angelegt. Hafengänge
werden unternommen. Teilweise hat es 10 Grad Plus. Nichts ungewöhnliches
um diese Zeit an der Küste. Der Golfstrom wirkt Wunder. Weit
nördlich des Polarkreises, in Harstadt, erzählt Sissel,
werden Erdbeeren angebaut. Besonders süß werden sie
durch das lange Licht im Sommer, der Mitternachtssonne, wegen
der langen Winter werden sie spät reif und exportiert bis
Italien zu einer Zeit, wenn dort schon längst alle heimischen
Erdbeeren gegessen sind.
Als ich am 7. Februar auf der Midnatsol den Polarkreis wieder
südlich fahrend überschreite, stellt mir der Kapitän
der M/S Midnatsol eine Polarsirkel-Sertifikat aus, und lebhaft
habe ich wieder die bangen Momente bei der nordwärtigen Passage
vor Augen.
Am Freitag den 8. Februar 2002 gehe ich und die Dnepr ganz begierig
aufs Fahren wieder von Bord. Wenn ich in Südschweden wieder
einen österreichischen LKW Richtung Heimat erwischen will,
sollte ich schnellstens südwärts fahren. So drücke
ich ordentlich aufs Gas, ich kündige die 70 Km/h Vereinbarung
und fahre, was geht, starker Gegenwind und der ständige,
wenn auch nur leichter Anstieg der Straße aufs Fjell lassen
ohnehin keine 70 Km/h zu, nach 350 Kilometer Vollgas muß
ich in Elverum halten, weil schon wieder die Ladekontrolle aufleuchtet,
der Motor zuletzt nicht gut durchzieht, ich baue rechts die letzte
neue Zündkerze ein und auch gleich einen Kerzenstecker, zum
wiederholten male erneuere ich die Steckverbindung des Ladestromkabels
an der Lichtmaschine. Ein Telefonat mit meinem Chaffeur Fred,
der nun hervorragende Arbeit als Disponent für mich leistet,
ergibt, daß Lois, ein österreichischer LKW-Fahrer erst
morgen Samstag acht Uhr früh die Fähre von Trelleborg
nach Rostock nimmt, ich könnte mitfahren. Etwas mehr als
800 Kilometer liegen da jetzt noch vor mir, eine anstrengende
Nachtfahrt blüht, da passt genau, daß jetzt schwerer
Regen einsetzt und ab Schweden an der Küste entlang heftiger
Seitenwind zu erwarten ist, missmutig beginne ich zu kämpfen,
die Dnepr läuft nun wieder ganz willig. Der heftige Schneeregen,
der aufwirbelnde Salzdreck der vor mir fahrenden Autos trüben
Windschild, Helmvisier, längst ist kein Schnee mehr zu sehen,
das milde Wetter der vergangen Woche hat alle Pracht vernichtet,
in Südnorwegen ist auch schon ganz schön hohes Verkehrsaufkommen,
ich denke mir, das war es nicht, was ich wollte, und ich fahre
kaum 40 Kilometer seit der letzten Reparatur, als die Dnepr schon
wieder ruckelt, von der Tachokonsole leuchtet wieder nun schon
vertraut rotes Licht, verdammt, denke ich, das darf doch nicht
war sein, ich will nicht mehr, kann mich mal der Scheiß,
hier kann ich sowieso nicht stehen bleiben, bei der nächsten
Tankstelle werde ich meine Ersatzlichtmaschine einbauen, damit
endlich eine Ruh ist, schalte energisch auf die Dritte, Vollgas,
am Berg, als die Dnepr gequält aufschreit, so schnell kann
ich gar nicht schauen, stehe ich neben dem Bike, hinter mir eine
Autoschlange, Drehen am Gasgriff, ergibt heftiges Poltern im Motor,
Kupplung geht, aber die Erste will nicht angenommen werden, ich
schiebe bis zur nächsten Kreuzung, baue die Lichtmaschine
aus, erwarte ein zerbröseltes LIMA-Ritzel, doch nichts dergleichen,
das Ritzel ist makellos, die Ankerwelle dreht gut, etwas beunruhigt
nun starte ich den Motor ohne Lichtmaschine, das Poltern des Motors
ist gut, verdammt gut, vernehmbar, höhere Drehzahl tut richtig
weh, ich beseh mir das Stirnrad auf der Nockenwelle und spür
nur die drei lädierten halben Zähne, die dieses Zahnrad
schon vor der Abreise hatte, ansonsten nichts zusätzlich
Böses erkennbar. Ich bau halt nun die andere Lichtmaschine
ein, nur damit das Loch dort halt zu ist, widerwillig nehme ich
zur Kenntnis, daß die Polardnepr knapp 60 Kilometer nördlich
von Oslo seine ewige Ruhe vor dem (über)fordernden Schwaighforschen
Gasgriff findet.
Ich stoppe eine Auto, das nimmt mich und die Dnepr im Schlepptau
drei Kilometer mit, hier findet sich ein Yamaha Stützpunkt,
schnittige Rennboote stehen in der Auslage, hinten auch eine Fazer
und eine R6, ich übergebe dort meine Polardnepr samt Fahrzeugschlüssel,
entnehme dem Beiwagen das Allernotwendigste was man so braucht
für eine ungewisse Weiterreise ohne Dnepr und wie der Zufall
es will, ist gegenüber der Yamaha-Werkstätte eine Bushaltestelle
für den Shuttle Bus zum Flughafen von Oslo, gerade einmal
15 Kilometer entfernt, und wie der Zufall es will, kommt auch
gerade der Bus, 30 Minuten später erfahre ich am SAS Desk,
daß ein Flug nach München oder Wien 8.000 Kronen kostet,
einWeekendtarif auch unter Ziehen sämtlicher Register meiner
Überzeugungskraft nicht zu erhalten ist, ich möge doch
die Kosten des Fluges meiner Versicherung verrechnen. Diese Versicherung
habe ich leider nicht, so fahre ich per Bus nach Oslo und buche
den E6-expressen- Nacht-Bus nach Malmö. (www.nor-way.no).
Kostet 340 Kronen. Inklusive Unterhaltung durch drei Schwestern,
die eine Flasche Rotwein nach der anderen kippen und um 6.00 Uhr
in der Früh kippen leere Flaschen, volle Schwestern und ein
übermüdeter Schwaighofer in Malmö aus dem Bus.
Noch 30 Kilometer Taxi nach Trelleborg und 10 Minuten vor Abfahrt
steige ich beim Lois im Fünfachziger Scania zu, das Fahrzeug
ist derart konstruiert, daß Lois weder schalten (Automatik)
noch gasgeben (Tempomat) braucht und so ist viel Zeit für
den Austausch von Trucker- und Motorradschwänken. Sonntag
den 10. Februar um 2.00 Uhr liege ich bereits im eigenen Bett
und kann nicht schlafen, heftig plagt mich mein Gewissen, nicht
nur, weil ich meine Polardnepr nach langen Jahren treuer Winterdienste
kaltblütig umgebracht habe, nein, habe ich sie ausgerechnet
einer Yamaha Werkstätte zur gefälligen Verwertung überlassen.
Ich kann nicht schlafen. Wieder und wieder höre ich das Kreischen
meiner Dnepr beim letzten Berg. Wieder und wieder gehe ich alle
mir bekannten Symptome möglicher Todesursachen von Dneprs
durch und plötzlich sehe ich alles glasklar vor mir.
Die Erkenntnis überfällt mich fürchterlich. Mir
wird siedend heiß. Ein Schweißausbruch. Hellwach.
Ich springe aus dem Bett und gehe sofort wieder in die Knie, die
Hände vors Gesicht, Schmerz, wirklich körperlicher Schmerz
verursacht dieses mein persönliches Versagen. Es hilft alles
nichts, es läßt sich nicht mehr verdrängen: Das
rote Licht vorm Dnepr Tod war nicht die Ladekontrolle, es war
die Ölkontrolle. Ja! Ich habe einen lupenreinen Verreiber
produziert. Ja! Ich bin ohne Öl gefahren. Wann bitte habe
ich das letzte mal nach dem Ölstand geschaut? Ich weiß
es nicht, ich kann mich nicht erinnern. Fünf Liter feinstes
Öl im Beiwagen und wahrscheinlich bloß ein halber Liter
Öl im Motor, das darf doch nicht wahr sein.
Die darauffolgende Woche habe ich so viel Arbeit, daß ich
keine Zeit habe zum Verzweifeln.