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Danke Hari, ich werde dein Gesicht nicht vergessen. Vermutlich
warst du überzeugt, weder mich noch die Ural jemals in halbwegs
akzeptablen Zustand wieder zu sehen, eher dachtest du wohl daran,
heute im Linzer Stadtanzeiger in den Lokalnachrichten von einem
sensationellem Motorrad-Beiwagen-Unfall wenige hundert Meter nach
der Auffahrt Linz/Neue Heimat zu lesen, in welchen ein Osttiroler
und zwei Lkws verwickelt waren.
Ich muss gestehen, die ersten 60 km waren geprägt von einer
veritablen Glaubenskrise. Wiederholter Blickwechsel zwischen Tacho
und vorbeiziehenden Lkw ließ mich zweifeln, ob ich nicht im
Begriffe einer Dummheit sei. Eine erste windgebeutelte Überschlagsrechnung
bezüglich der Reisedauer machte nichts besser. Der Gedanke,
ob die gebrauchte Honda Transalp nicht nur um einen Tausender billiger
gewesen wäre sondern mich auch um Stunden früher nach
Hause gebracht hätte verschlimmerte die Situation zu diesem
Zeitpunkt. In diesem Augenblick rettete mich die Frage, was ich
mit den gewonnenen Stunden angefangen hätte... eben! Ab da
wurde es ein bisschen besser. Der erste Glaubensgrundsatz "Wenn
ich schnell irgendwo hin muss, fahr ich mit dem Auto oder dem Zug!
Nicht mit der Ural!" tat wohl, wenngleich ich aufgrund des
aufziehendes Nebels und der damit verbundenen Wärmeentzugserscheinungen
im Knie- und vorderen Weichteilbereich eine erste Rast buchen musste.
Der Einfachheit halber zog ich die dicke Hose gleich über die
andere drüber. Was weiß man schon was noch kommt. Windgebeutelt
und vom restlichen Verkehr gedemütigt und aufgemuntert beschloss
ich meine 80 km/h zur Maxime zu erheben. Diese schnelllebige Zeit
kann mich mal am Auspuff. Dass ich trotzdem gebeugt dasaß
hatte mehr mit dem teuflischen Wind in dieser Gegend zu tun. Gut.
Salzburg erreicht und hinter mir gelassen, da muss man nix zu sagen.
Bad Reichenhall ist auch nicht der Rede wert. Vielleicht ist jene
beinahe 90°-Kurve zu erwähnen, welche recht plötzlich
nach rechts führte, währenddessen ich mental noch auf
eine schnittige Geradeausfahrt eingestellt war. Damit hätten
wir die "Knappheit" des Tages abgehandelt, müssen
wir nicht weiter dran denken. Die Stimmung hatte sich inzwischen
auf neutral bis positiv eingependelt, wurde jedoch flugs durch einen
zünftigen Landregen vor Saalfelden gebremst. Was im Auto nicht
einmal des Scheibenwischers wert ist, morst am Motorrad penetrant
am Helm. Auch das ging vorüber. Inzwischen war man hungrig
geworden!
Auf eine traditionelle Einkehr in einem Landgasthaus mit gehaltvoller
Suppe und Fleisch wurde gemäß des zweiten Glaubensgrundsatzes
"Was durch Slowdrive an Zeit verloren wird durch Fastfood wieder
aufgeholt" verzichtet. Der Mac in Saalfelden füllte den
Magen verlässlich womit auch immer, der Pappbecherkaffe war
wie er war. Mehr als Warm muss nicht sein, den Rest macht Zucker.
Sonne über dem Pinzgau ließ mir erstmals das Herz aufgehen.
Nachdem ich die Höllenröhre in Zell am See hinter mich
gebracht hatte - ich war überzeugt, dass die beiden Auspuffröhren
direkt in den Helm an meine Ohren münden würden. Kritische
Blicke hinunter an Motor und Bereifung bzw. eventuell sich lösende
Teile blieben unbegründet, der Lärm musste wohl auch von
den anderen kommen. Mit der Zufahrt zum Großglockner fielen
auch die letzten Glaubenszweifel von mir ab, die Sonne schien und
es war einfach überwältigend schön und beruhigend.
Der Kassamann reckte den Kopf aus dem Häuschen und schien selbst
ein wenig daraus zu sein: "Was ist denn das?... Aha ... und
soso ... gfallt ma ... kimm guat hoam, pfiati!". Das wäre
dann der Unterschied zu Ktm, Honda, BMW gewesen.
Gut. Die Ural brachte mich zuverlässig brummend nach oben,
ich überholte sogar in wagemutiger Aufwärtsfahrt drei
Radfahrer und konnte mich so an die Spitze setzen. Oben angekommen
- siehe Anhang - gab ich der Ural den Namen "Hannibal"
und dann, bevor die Freude übermächtig werden konnte,
fuhr ein Wind über den Berg, der Boot samt Bootsführer
ordentlich einbremste. Und weil der Wind ist wie er ist brachte
er ordentlich jemanden mit, nämlich einiges an waagrechtem
Regen, der es sich noch überlegte, ob er Schnee werden wollte,
es dann aber doch beim Regen beließ. Die Fahrt zum Hochtor
war durchwachsen, die Einfahrt in den Windkanal gestaltete sich
fordernd, da der Tunnel zappenduster war, nass war, es von der Decke
tropfte, mein Helm angelaufen war und ich schlagartig blind war.
Das Licht eines entgegenkommenden Kfz konnte ich reaktionsschnell
als definitiv "nicht das Licht am Ende des Tunnels" definieren
und in der Folge auch eine direkte Begegnung mit den ersten wagemutigen
Touristen vermeiden. Weils inzwischen eh schon gleich war, eiskalt
wars, gestürmt hats, gab ich mich völlig hin und überließ
mich dem "uralism way of thinking and living". Mit einem
fetten Grinsen im Gesicht, das breiter war als das Visier, rollten
Hannibal und ich talwärts. Gott sei Dank waren keine zwanzig
Autos am Weg, bei Vollbetrieb im Sommer hätten sie mich wahrscheinlich
mit Stöcken von der Straße vertrieben. Wenn man auf der
Jungfernfahrt nach ca. fünf Stunden irgendwann im Fahren aufsteht
und in den Sturm brüllt vor Freude, dann weiß man eh,
dass es einen erwischt hat.
Übers Mölltal gibt es nichts zu berichten, das haben wir
zügig durchfahren. Nach sechs Stunden Fahrt für magere
280 km rollte ich standesgemäß am Iselsberger Hof ein,
um mich beim Sepp zurückzumelden, bevor mich jemand als vermisst
meldet. Normalerweise und an jedem anderen Tag hätte ich ein
Weizenbier getrunken, diesmal schien mir hochprozentiger Schwarztee
mit viel Zucker angemessener. Die anvisierte Zeit von einer Stunde
und zehn Minuten habe ich klar verfehlt, ich möchte aber auch
auf keinen Fall jemals ein Motorrad haben, mit dem ich von Linz
nach Lienz in weniger als fünf Stunden fahren könnte!
Danke Hannibal!
Falls also jemals eine Ural irgendwohin zu überstellen wäre,
Hari, ruf mich an. Ich übernehme alles, was weiter weg ist
als 280 km und mindestens fünf Stunden dauert...
Liebe Grüße
Christoph&Hannibal
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